Es begab sich zu einer Zeit, dass der lokale Bürgermeister zu einem großen und glamourösen Fest in seine Stadt einlud. Neben seiner großen Familie waren ausgewählte Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen. Wie im Vorfeld bekannt wurde gab es neben einem schmackhaften Buffet auch zahlreiche Bedienstete, die für das leibliche Wohl sorgen würden und ein Unterhaltungsprogramm der Extraklasse.

Dass der Eintritt nicht jedermann zugänglich war, ärgerte viele Bewohner der Stadt und so entschlossen sie sich miese Stimmung gegen den politischen Würdenträger zu verbreiten. Kurzerhand kam das Gerücht auf, er hätte seine private Feier aus den kommunalen Steuereinnahmen finanziert, oder gar Schmiergelder angenommen. Obwohl die feierliche Zusammenkunft noch nicht einmal angefangen hatte, gab es eine Front von Unverständnis, Kritik bis hin zu Wut. Dabei hatten die Bürger ihr Oberhaupt doch selber gewählt und eigentlich gab es schlimmere Bürgermeister – davon hatten sie zumindest in der regionalen Zeitung gelesen.

An einem schönen Sommerabend war es soweit: Mit blitzblanken Autos fuhren die privilegierten Gäste vor das örtliche Ballhaus und betraten die abgesperrten Zubringer zum Ort des Geschehens. Auch wenn vorher ein Gerücht das Nächste zu den Hinterhältigkeiten zur Organisation über das nahezu feudale Event jagte, kamen die Bewohner in Scharen um das bunte Treiben zu verfolgen. In dieser Menge stand auch der Reporter des kleinen Stadtanzeigers, der sich wacker mit den Anschuldigungen auseinandergesetzt hatte und darauf bestand, meinungsbildenden Journalismus zu betreiben. Leider war es ihm aufgrund einiger sehr subjektiver Berichterstattungen nicht möglich exklusiven Zutritt zu bekommen. Zwar sehnte er sich innerlich danach zu wissen, was hinter den dicken Mauern wirklich geschah, aber seine vermeintlichen Ideale, hinderten ihn über seinen Schatten zu springen und doch noch Einlass zu bekommen. So stellte sich der Reporter vor die Glasfenster, die auf der anderen Seite des Gebäudes waren. Auf diese Idee war bisher noch niemand gekommen, aber recht schnell sprach sich auch diese Möglichkeit rum. Wirklich exklusiv konnte er also nicht berichten. So stand der Reporter, der eigentlich ohne Probleme Eintritt haben könnte, außerhalb des pulsierenden Treibens, konnte außer Mutmaßungen und den unbefriedigenden Blicken durch das Glasfenster nichts berichten und zog enttäuscht von dannen.

Die Nachrichten vom darauffolgenden Tag waren ernüchternd. Statt neuer Hintergrundberichte schrieb der passionierte und prinzipientreue Journalist tiefgreifende und ausführlich recherchierte Analysen über den Protagonisten, seine Gäste, die politische Dimension des Happenings und fehlenden Reformen. Kaum hatte er stilistisch einen besseren Artikel geschrieben, selten soviel Informationen durch Sekundärquellen benutzt. Einem reißenden Absatz des Anzeigers stand also nichts mehr im Wege. Von eigenen Erfahrungen konnte er allerdings nicht berichten – das hatte er sich im Vorfeld selber verbaut.

Ernüchterung bahnte sich den Weg, als sich herausstellte, dass am Vortag ein Vertrauter des Verwaltungsdirektors über Kontakte den Einlass in das Spektakel erlangte und brühwarm über das Geschehen zu berichten wusste. Er hatte alles auf einem Blog veröffentlicht, einige Handybilder eingefügt und sogar die Gespräche mit den prominenten Gästen ausgezeichnet und aufgeschrieben. Freilich nicht in bester journalistischer Manier, wenngleich nicht ohne Anspruch. Damit hatte der Journalist nicht gerechnet, denn sein sauber geschriebener Bericht war ohne öffentliches Interesse. Der Blog hingegen sprengte alle Erwartungen, der Traffic explodierte und die Neuigkeiten lösten einen Run auf neue und mehr Informationen aus.

Außer der eigenwillige Amtsrat, der seinerzeit Germanistik studiert hatte, fand keiner einen ernsthaften Zugang zu den ausgefeilten Feinheiten des ambitionieren Zeitungsschreibers und seines Anzeigers. Und schließlich, einen Tag später, gab es nichts Älteres als die Zeitung von gestern. So stand der Journalist da – fühlte sich falsch verstanden und in seiner Berufsehre gekränkt, aber denn erfolglos.

Ode an den Baum

Oktober 31, 2007

Ich kann es kaum glauben. Mittlerweile ist es genau drei Jahre her, dass das Trauerspiel seinen Lauf nahm. Okay, zu Beginn lief alles ganz locker an. Es fühlte sich gut an und irgendwie „rutschte“ ich rein. Keine Zeit zum nachdenken. Handeln. Mit der Zeit steigerte sich der Kontakt, die Gespräche wurden intimer. Alles ganz locker. Neun Monate später der Abschied. Manche Frau hatte in dieser Zeit ein neues Leben auf die Welt gebracht – wir hatten es auch. Nur, dass dieses Leben in uns wohnte. Und nun schau ich auf das was war, auf das was ist – und darauf, dass ich es kaum glauben kann, wie sich das eigene Leben weiterentwickelt.

Wie der Baum. Er wächst – mal schneller, mal langsamer. Der Stamm wird dicker. Die Blätter kommen und gehen, aber sie machen nicht den Baum aus. Man stelle sich vor, ein Baum käme eines Tages auf die Idee sich nur wegen seiner besonders formschönen Blätter zu definieren: „Ich bin ein so toller Baum. Sollte ich irgendwann keine Blätter mehr haben – ja, dann bin ich es nicht mehr wert einen Baum geheißen zu werden“. Sprach es und erlebte den nächsten Winter. Wahnwitzige Vorstellung und doch so real. Der Herbst hat mich auch dieses Jahr eingeholt. Schnell, ungefragt und ohne Gnade. Manche Blätter müssen abfallen um neue austreiben zu können.

So stehe ich und warte – auf das was kommt. Auf den Winter und vor allem der Dinge, die sind wie sie sind. Die stille, reine und vernunftlose Vegetation freilich lebt und streckt die Wurzeln aus nach Wasser. Danach, was Leben stiftet. Ja, gerade in solchen Zeiten möchte ich die Bodenhaftung nicht verlieren. Geht es doch einzig und allein darum standhaften Grund zu behalten. Dann kann Baumschmuck kommen und gehen wie er will. Die Basis steht. Auch wenn sich zum dritten Mal der Jahrestag nährt. Baum bleibt Baum. Und Blatt bleibt Blatt.

Ich habe es so satt. Es kann doch nicht angehen, dass in der S-Bahn irgendwelche Jugendlichen denken sie könnten mit ihrer Musik das ganze Abteil beschallen, dumme Sprüche klopfen und zu guter letzt noch Zigaretten anzünden. Von diesem illustren und zugleich traurigen Schauspiel wurde ich vor zwei Tagen Zeuge.

Ähnliches Szenario vor fünf Tagen auf dem Heimweg. Ich steige in die Regionalbahn und zwei Halbstarke sitzen gemütlich mit ihren Handyspeakern und den Schuhen auf dem Polster und rauchen. Okay – ich habe auch längere Zeit geraucht. Und irgendwie kenne ich die Zeit, als man noch Rebell sein wollte. Damals, mit 14. Man wollte sich abheben und „cool“ sein. Das ist nichts Neues.

Eins verstehe ich trotzdem nicht: Warum laufen unzählige erwachsene Menschen an diesen pubertierenden Freaks vorbei und vergraben sich hinter der Tageszeitung. Rauchen ist in Bahnen nun mal verboten und das ist auch gut so. Und angepöbelt werden ist irgendwie auch nicht so prall. Diese seltsamen Jugendlichen mit ihrer No-Future Perspektive tun mir persönlich nur leid. Aber sie einfach gewähren lassen – das kann doch nicht sein. Zugegeben. Ich gehe auch nur vorbei und denke mir meinen Teil. Und irgendwie ist das auch kein Weltuntergang. Aber da steckt doch mehr dahinter.

Ich glaube wir bewegen uns bei diesem Thema nur an der obersten Spitze des Eisbergs. Darunter steckt ein massives Vogel-Strauß Syndrom, im fortgeschrittenen Stadium. Hauptsache mein eigenes kleines Leben ist in Ordnung. Und wenn es das nicht ist – naja, dann lass mich wenigsten mit anderen Problemen in ruhe. Das wird auch der Grund sein, warum ich von der Schaffnerin die Antwort bekomme: „Lassen sie die Jungs doch ihr Ding machen“. Hallo? Das sind Teenager, die allem Anschein nach Grenzen austesten und provozieren wollen. Und man mag es kaum glauben: Sie tun das überaus erfolgreich. Wir verschließen die Augen und machen weiter, als wäre nichts passiert. Aber ich möchte nicht vom Thema abkommen. Wir sind beim Eisberg stehen geblieben unter dem die Gleichgültigkeit gegenüber Problemen und Angst steckt. Stattdessen bleiben wir entspannt sitzen und freuen uns über den schönen Tag.

Ich empfinde diese Mentalität als höchst alarmierend. Nicht, weil ein paar Jugendliche mal über die Stränge schlagen. Die werden auch noch an ihre Grenzen stoßen. Was aber ist mit Leuten wie mir, die zusehen und nichts tun? Wir sollten uns vielmehr einmischen und aktiv werden. Eingreifen, Courage beweisen. Nicht nur im Zug, sondern vor allem gegenüber unseren Mitmenschen. Jesus’ höchstes Gebot an uns Menschen war simpel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Schau, dass du ihn Gutes tust und wenn er mal Mist verzapft, dann kann ich auch zum ihm gehen und ihm das sagen. Liebe bedeutet schließlich Anteilnahme, Verantwortung und Mut. Das kann ich leider nicht von mir behaupten. Aber ich denke darüber nach, mache mir meine Gedanken und versuche diesen Umstand zu ändern. Es gibt genug Menschen, die sich dessen nicht bewusst sind.

Den „Gesundheitszustand“ einer Gesellschaft erkennt man meiner Meinung nach an der Art und Weise wie man mit seinen Mitmenschen umgeht. Es gab auch schon Zeiten, in denen diese Ignoranz niedriger war. Derzeit ist sie gekoppelt an individuelle Lebensphilosophien und sozialer Inkompetenz. Schade. Da müsste eigentlich mehr passieren. Am besten fang’ ich bei mir an! Was ist mit dir?

„Hallo? Kann ich dich mal was fragen? Ja, na klar. Worum geht’s? Du musst mir unbedingt verraten wo du diese super coolen Schuhe gekauft hast! Ha, das werde ich in der letzten Zeit öfter gefragt. Die gibt’s in diesem kleinen Laden im Prenzlauer Berg…“

Ich kenne solche Gespräche nur zu gut. Genauso gut, wie die permanenten Shoppingtouren. Dabei ist es seltsam welche ausgefallenen Wege man einschlägt nur um irgendwie und um nahezu jeden Preis gut auszusehen. Ja, und ich gebe es zu. Ich bin selber ein Opfer. Immer auf der Suche, immer lechzend nach dem neusten Fang. Am besten was vollkommen Neues, etwas was noch keiner hat. Ob es Edelboutiquen am Kurfürstendamm sind, Customshops am Hackeschen Markt, oder Retro-Second Hand Läden in den Trendbezirken der Hauptstadt. Nahezu überall, wo auch die vermeidlich angesagten „People“ der Hauptstadt abhängen gibt es auch etwas zu kaufen. Auseinandergenommen ist es ein ganzer Lebensstil, den man gleich im Gepäck mitkauft. Wenn ich es mir näher überlege, dann sind es nicht nur Klamotten oder das angesagte Café, mit den sonst wie ausgefallenen Möbeln – es ist eine Grundsatzentscheidung wie ich leben möchte, woran ich glaube und auf welche Art und Weise ich meinen Urlaub verbringe. Wenn ich mich nun auf die Suche nach den neusten Trends der Session mache, wenn ich glaube, dass ich als Mann Röhrenjeans anziehen müsste, ja genau dann versuche ich irgendeine Art von Lebenskonzept zu übernehmen. Es ist abgeguckt. Das muss ja nicht schlecht oder verwerflich sein, aber es zeugt nicht von einer eigenen Lebensphilosophie. Ich bin vorgeprägt, ich passe mich in letzter Konsequenz doch nur meiner Umgebung an. Warum sollte ich sonst jeden Tag mit meiner Bionade durch die Gänge der Uni schländern, meinen iPod verkünstelt einstecken und die schicken weisen Ohrhörer präsentieren? Es gibt ja schließlich auch keinen nachvollziehbaren Grund, warum man unbedingt einen koffeinfreien „Café Latte to go“ bestellen sollte. Es ist momentan einfach im Trend, genauso wie es im Trend sein könnte laut zu furzen und seine eigenen Gase einzuatmen. Man fühlt sich schließlich ein bisschen besser und fortschrittlicher als die Allgemeinheit.

Was ist es denn wirklich, das uns als Menschen den Antrieb gibt Style zu entwickeln? Wer legt denn fest was nun angesagt ist? Und wieso werden ursprünglich antikommerzielle Absichten und Lebenskonzepte schließlich wieder erstrebenswert und damit auch ausgeschlachtet? Ein Beispiel: Noch vor nicht allzu langer Zeit gab es hier und da die tollen und meistens belächelten Bioläden. Kaum einer kaufte vor 10 Jahren dort ein, denn immerhin waren die Produkte viel teurer und geschmacklich auch nicht zwangsläufig besser. Man wähnte sich dafür in der Sicherheit ökologisch korrektes Essen zu verzehren. Diese, als Müslifresser bezeichnete Spezies Mensch, wurde nicht für voll genommen. Ein Blick in nahezu jedes Supermarktregal offenbart heute eine ganz andere Wahrheit. Bio ist in. Der Siegeszug dieser, ich denke Lebenseinstellung wird der Sache als Charakteristikum sicher gerecht, hat natürlich nichts mit einem strategischen Plan ihrer Anhänger zu tun. Genauso wenig wie die Punks in den 80er sich nicht hätten träumen lassen, dass sie ein mal ein modisches Vorbild sein könnten. Früher verachtet und verjagt, gab man ihnen einen Seitenplatz, den sie sich mehr oder weniger auch aussuchten. Die ehemaligen Rebellen, die Gesellschaft als einen Rattenkäfig begriffen, sind es im 21. Jahrhundert modische Vorbilder geworden sind. Kleine Stars, die wieder so weit entfernt sind, dass ihre wahre Aussage vergessen, verraten und verkauft wurde. Mich würde zumindest interessieren welche Einstellung die kleine Lisa mit ihren Chucks und dem Nietengürtel zum Kapitalismus hat. Sie könnte zumindest Papa fragen, der arbeitet doch bei als Ingenieur bei BMW und weiß auch sonst alles.

Wir bewegen uns als Menschen auf einem nicht enden wollenden Weg der (An-) Erkennung. Dazugehören, für etwas stehen und sich von der Masse abheben. Diese Tugenden sind für uns als Individualisten mittlerweile Tagesgeschäft. Die Konsequenz? Ich muss mir als Verbrauchen sehr gut überlegen was ich kaufe. Es steht doch immer ein Lebenskonzept dahinter. Nicht umsonst gibt es Experten, die genau diese Idee auf Produkte und Dienstleistungen anzuwenden wissen. Kaum einen Bereich innerhalb unseres öffentlichen Lebens, der nicht durch Vorbilder etwas verkaufen will. Selbstverwirklichung steht auf dem Plan, die doch irgendwie gar keine ist. Warum? Weil ich in meinem Streben nach dem ausgefallenen Oberteil, oder der neusten Sonnenbrille, doch nur auf der Suche nach etwas bin, was eben noch keiner hat. Was aber, wenn es dabei bleiben würde? Angenommen ich entscheide mich tatsächlich für das extravagante Modell – so anders, dass der Funke nicht überspringt. Genau dann hätte ich doch das Ziel erreicht. Hab ich aber nicht. Denn es geht doch im Kern der Sache nur darum möglichst „progressiv“ zu sein. Etwas zu haben, ein Lebensweg zu verkörpern, der dann von anderen kopiert werden kann und soll.

Was bedeutet das für mich ganz konkret? Ich mag Mode. Und ich mag Musik. Ich liebe es in kleinen Straßencafés zu sitzen um mich von schöner Atmosphäre beeindrucken zu lassen. Ich habe auch mein eigenes Lebenskonzept. Trotzdem nerven mich diese zwanghaften Aktionen nach Selbstdarstellung, geht es doch oft nur darum die innere Leere zu kaschieren.  Etwas darzustellen. Dieses Streben verkörpert für mich den Rattenkäfig, der mich als Mensch mit meinem eigenen und wunderbaren Leben gefangen hält und nicht mehr freigeben möchte. Ich suche nach Vorbildern und finde sie vielleicht auch. Aber damit begebe ich mich in die Abhängkeit. Und ganz ehrlich: “I Don’t wanna live in a ratcage!!!”